Interview: V. Hartmann, H. Lange

„.. auf das Team kommt es an.“

Interview mit dem Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Wehrmedizin und Wehrpharmazie e. V., Generaloberstabsarzt a. D. Dr. ­Jürgen Blätzinger 

WM: Herr Generalarzt, Sie sind nun seit einem Jahr – ein vergleichsweise kurzer Zeitraum – Präsident der DGWMP, der großen wissenschaftlichen Fachgesellschaft in der deutschen Wehrmedizin. In welchen Bereichen konnten Sie bereits neue Akzente in der Weiterentwicklung bzw. Ausrichtung der Gesellschaft setzen?

Photo Generaloberstabsarzt a.D. Dr. Jürgen Blätzinger (Abb.: Beta Verlag) GenOStArzt a. D. Dr. Blätzinger: Exakt neun Monate sind vergangen, seit ich das Amt übernommen habe. In einer Gesellschaft, die gut aufgestellt ist und von meinem Vorgänger, Generalarzt a. D. Dr. Christoph Veit, über sieben Jahre gut geführt wurde, muss man nicht ad hoc die Richtung ändern. Von daher sehe ich derzeit keinen Nachsteuerungsbedarf. Als Offizier habe ich gelernt, zunächst zu beobachten und zu analysieren und dann, wenn erforderlich, Dinge sukzessive zu ändern. In der DGWMP geschieht dies dann konsensuell nach Abstimmung im Präsidium. Der Präsident gibt Inputs, entscheidet aber nicht selbstherrlich und allein, sondern stützt sich natürlich auch auf seine Vizepräsidenten, den Geschäftsführer sowie den Beirat, allesamt hochkompetente Personen.

WM: Die DGWMP blickt mit ihren Vorgängerorganisationen auf eine lange Geschichte zurück, die bis in das Jahr 1864 zurückreicht. Sie steht daher sinnbildlich auch für alle Kontinuitäten und Diskontinuitäten in der deutschen Militärgeschichte. Auf welche Weise hat sich die DGWMP mit dem Bereich „Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit“ auseinandergesetzt und gibt es vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Traditions-Debatte in der Bundeswehr vielleicht noch einen weiteren Nachsteuerungsbedarf?

Dr. Blätzinger: Schon vor etlichen Jahren hat sich die Gesellschaft mit dieser Thematik auseinandergesetzt, was dazu führte, dass weniger als eine Handvoll „belasteter“ und zwischenzeitlich längst verstorbener Ehrenmitglieder aus den Listen gestrichen wurden. Damit will ich nicht behaupten, dass die Frage, ob die Vorgängergesellschaften in der Zeit des Nationalsozialismus belastet waren, wissenschaftlich aufgearbeitet wurde. Ich sehe allerdings keinen Grund, dass wir uns von jetzt noch geführten ehemaligen Präsidenten oder Ehrenmitgliedern der DGWMP distanzieren, weil sie in der Wehrmacht gedient haben, was per se nicht ehrenrührig ist. Nur weil die Bundeswehr aktuell den Traditionserlass von 1982 überarbeitet, der nach meinem persönlichen Urteil auch aus heutiger Sicht durchaus brauchbar ist, muss die DGWMP nicht auch auf dieses Pferd aufspringen. Ich meine, etwas mehr Gelassenheit täte da insgesamt bei der Diskussion dieser Thematik gut. Tradition stiftet man sicher nicht per Befehl im Hau-Ruck-Verfahren und ich bin froh, dass doch in den letzten Monaten sich hier fundierte wie sachkompetente ­Gremien und Workshops einbringen können und den Gesamtzusammenhang aufarbeiten. 

WM: Die Gesellschaft ist früher zu großen Teilen ein Verein für die Interessen von Sanitätsoffizieren gewesen. Heute hat sie den Anspruch, Vertretung und Kristallisationspunkt aller Approbationen, sanitätsdienstlichen Laufbahnen und auch der Förderer aus anderen gesellschaftlichen Bereichen zu sein. Könnte man in diesem Bereich das Profil der DGWMP weiter schärfen, um einen Beitrag zum Zusammenhalt, zur Identität und zum Selbstverständnis aller Angehörigen des doch weit diversifizierten Sanitätsdienstes zu leisten?

Dr. Blätzinger: Da sprechen Sie einen Punkt an, der mir am Herzen liegt und der auf Ihre Eingangsfrage zurückkommt. Die DGWMP sieht sich zwar in der Tradition der 1864 gegründeten Berliner militärärztlichen Gesellschaft und deren Nachfolgevereinigungen, aber schon bei Wiedergründung in den 50-er Jahren des letzten Jahrhunderts wurde daraus eine Vereinigung von – anfangs noch ehemaligen – Sanitätsoffizieren aller Approbationen und seit einigen Jahren steht die Gesellschaft den Offizieren des militärfachlichen Dienstes und auch den Unteroffizieren in den medizinischen Fachberufen offen, die jeweils Arbeitskreise in der DGWMP bilden. Die neue Laufbahn der Truppenoffiziere im Sanitätsdienst wird da über kurz oder lang auch ihren Platz finden. Diesbezüglich werbe ich selbst für mehr Offenheit und hoffe, dass wir aus diesen Laufbahnen noch mehr Mitglieder generieren und als Gesellschaft von ihrer Expertise profitieren können. Das geht mir noch etwas zu zögerlich voran. Wehrmedizin ist nicht allein und überwiegend ärztliche Angelegenheit; auch im Einsatz kommt es vielmehr auf das Team an und das soll sich in unserem Mitgliederbestand mehr und mehr widerspiegeln.

WM: Eine wichtige Aufgabe der DGWMP e. V. ist die Durchführung von Fortbildungsveranstaltungen für das Sanitätspersonal. Wie hat sich die Gesellschaft hier im Laufe der letzten Jahre positioniert und welche Trends gibt es für die Zukunft?

Dr. Blätzinger: Die Fortbildungsveranstaltungen aller Approbationen und auch die Arbeit in den verschiedenen Arbeitskreisen im Rahmen der Kongresse und Symposien haben sich bewährt und sie werden von den Mitgliedern gut angenommen. Die Formate der Angebote und deren Weiterentwicklungen und Anpassungen sind natürlich permanent zu hinterfragen und nachzusteuern. Unsere Angebote müssen attraktiv bleiben, ansonsten gehen uns Mitglieder von der Fahne. Was uns aktuell aber im Rahmen der Fortbildung durchaus Kopfschmerzen bereitet, sind zunehmend restriktivere Vorgaben in der Zusammenarbeit mit dem Sanitätsdienst. Die Compliancevorschriften, denen wir entsprechen müssen, machen uns die Einbindung von Firmen bei unseren Veranstaltungen zunehmend schwieriger. Wir waren schon immer, sind und bleiben auch künftig hinsichtlich unseres, ich nenne das mal so, Geschäftsgebahrens transparent. Für Misstrauen uns gegenüber besteht kein begründeter Anlass. Ich habe allerdings in letzter Zeit häufiger die Sorge, dass uns Juristen auf ministerieller Seite, ohne dass böse Absicht dahinter steckt, die Luft zum Atmen nehmen. Ziele, Aufgaben und Selbstverständnis unserer Gesellschaft scheinen nicht hinreichend bekannt zu sein. Daraus resultiert unzweifelhaft Gesprächsbedarf.

WM: Die Wehrmedizin ist innerhalb der Medizin lange Zeit doch ein relatives „Exotenfach“ gewesen. Heute bewegt sich die DGWMP als Fachgesellschaft mit wissenschaftlichem Anspruch auf Augenhöhe mit bedeutenden Fachgesellschaften des zivilen Gesundheitswesens. Wie bewerten Sie diese Entwicklung und welche weiteren Gestaltungsmöglichkeiten der Institutionalisierung der Zusammenarbeit sehen Sie?

Photo Generaloberstabsarzt a.D. Dr. Jürgen Blätzinger im Gespräch mit dem Chefredakteur, Flottenarzt Dr. Volker Hartmann, und der Verlegerin, Heike Lange. (Abb.: Beta Verlag) Dr. Blätzinger: Auf diesem Terrain hat sich in letzter Zeit einiges zum Positiven gewandelt. Vor Jahren war es keine Seltenheit, dass Sanitätsoffiziere bei Kongressen von Fachgesellschaften – fast möchte ich sagen verschämt – in Zivil erschienen oder auftraten. Bedingt durch die Einsätze und wesentlich durch die jüngst gestiegene Terrorgefahr im Inland, auf die die zivilen Kollegen nicht hinreichend vorbereitet sind, ist der Sanitätsdienst inzwischen ein gefragter Partner. Verwundungsmuster, wie beispielsweise Blast Injuries, kennen zivile Kollegen nicht aus eigener Erfahrung – unsere Kameraden dagegen haben die leider in großer Zahl behandeln müssen. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse gilt es weiter zu geben und da sind wir als Fachgesellschaft im Boot und sehr gefragt. Beispielsweise habe ich erst vor wenigen Tagen eine Kooperationsvereinbarung zwischen der DGWMP und der DGU – der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie – unterzeichnet, die es nun mit Leben zu füllen gilt. Auch anderen Gesellschaften werden wir uns, sofern es beiden Seiten nutzt, natürlich nicht verschließen.

WM: Der Sanitätsdienst der Bundeswehr stellt sich auf vielen Gebieten auf eine zunehmende Internationalisierung ein. Wie ist hier DGWMP aufgestellt und wie kann sie zu einer weiteren Vernetzung mit den Fachgesellschaften unserer Partnersanitätsdienste Österreichs und der Schweiz beitragen? Gibt es in diesem Zusammenhang Kontakte auch zu wissenschaftlichen Fachgesellschaften anderer Länder?

Dr. Blätzinger: Seit Jahren pflegt die DGWMP schon gute Kontakte mit der ÖGWMP, der österreichischen Schwestergesellschaft und der Schweizerischen Gesellschaft der Offiziere der Sanitätstruppen. Etliche unserer Mitglieder, so auch ich, sind Doppelmitglieder. Gemeinsame Veranstaltungen finden statt und bei den jeweiligen nationalen Veranstaltungen nehmen Kameraden der Partnergesellschaften auch teil. Die Kooperation beschränkt sich aber zugegebener Maßen auf deutschsprachige Gesellschaften. Das liegt – abgesehen von Sprachbarrieren – unter anderem auch daran, dass vergleichbare Vereinigungen in anderen europäischen Ländern kaum zu finden sind, weil dort ein Koalitionsrecht für Soldaten, wie wir es kennen, nicht gleichermaßen gegeben ist.

WM: Der Sanitätsdienst der Bundeswehr wird seit geraumer Zeit weiblicher, bunter und jünger. Wie stellt sich die DGWMP in ihrer Gremienarbeit und in ihrem Fortbildungsauftrag auf solche gesellschaftlichen Entwicklungen ein? Wie schätzen Sie insbesondere die bisherige Zusammenarbeit mit dem SanOA e. V. ein?

Dr. Blätzinger: Die Zusammenarbeit mit dem SanOA e. V. ist unterm Strich gut. Dessen Mitglieder sind gleichzeitig Mitglieder der DGWMP und wir schätzen uns glücklich, dass wir aus diesen Kameradinnen und Kameraden einen nicht unerheblichen Teil neuer Mitglieder generieren und durch deren Mitgliedschaft einer schleichenden Überalterung entgegen wirken. Mit jungen Leuten, wenn sie sich aktiv einbringen, kommen neuer Wind und neue Ideen in die Gesellschaft, und das ist gut so. Die Zusammenarbeit könnte aber zum gegenseitigen Vorteil noch friktionsärmer und mit mehr Kontinuität erfolgen, wenn der Vorstand des SanOA e. V. nicht satzungsgemäß zweijährlich wechseln würde.

WM: Die DGWMP und der Beta-Verlag blicken auf eine jahrzehntelange fruchtbare Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Förderung wehrmedizinischer Inhalte, z.B wird die WEHRMEDIZIN UND WEHRPHARMAZIE dazu genutzt, um die Inhalte der DGWMP an die Mitglieder und weit darüber hinaus zu veröffentlichen. Wie lässt sich diese synergistische Kooperation in der Zukunft weiter gestalten?

Dr. Blätzinger: Zunächst ist mir wichtig, dass wir uns vertraglich verständigt haben, dass die WEHRMEDIZIN UND WEHRPHARMAZIE auch weiterhin in gewohnter Zusammenarbeit zwischen dem Verlag und der DGWMP herausgegeben wird und zwischenzeitliche Misshelligkeiten ausgeräumt werden konnten. Wie wir ansonsten künftig zum gegenseitigen Vorteil kooperieren können, darüber müssen wir weiter diskutieren. Dabei gilt es allerdings zu berücksichtigen, dass wir natürlich auch divergierende Interessen haben. Der Verlag ist ein Wirtschaftsunternehmen, welches sich dem Sanitätsdienst verbunden fühlt, das aber selbstverständlich rentabel geführt werden muss. Für die DGWMP als medizinische Fachgesellschaft – die natürlich auch wirtschaftlich überlebensfähig sein muss – stehen dagegen mehr die ideellen Satzungsziele im Fokus.

WM: Zum Abschluss eine persönliche Frage: Nach Ihrer Zurruhesetzung zum April 2011 haben Sie sich nicht auf das Altenteil zurückgezogen, sondern bilden sich fachlich weiter stringent fort. Befördert dies auch Ihre Arbeit als Präsident der DGWMP?

Dr. Blätzinger: Also für einen knackigen Endsechziger – das ist subjektive Eigenperzeption und nicht objektive Fremdeinschätzung – kommt ein sogenanntes Altenteil wirklich noch nicht in Betracht. Ich halte mich durch regelmäßigen Besuch im Fitnessstudio körperlich fit und widme mich daneben einem Masterstudium an der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr in Hamburg, was ich hoffentlich erfolgreich abschließe. Allein schon mit dem Studentenausweis im Portemonnaie fühlt man sich um Lichtjahre jünger. Für die Präsidiumsarbeit in der DGWMP ist das Studium aber nicht von nennenswerter Relevanz. In dieser Hinsicht gibt mir die Erfahrung aus 42 Jahren aktiver Dienstzeit und zahlreichen Führungsverwendungen im Sanitätsdienst der Bundeswehr inklusive des Ministeriums deutlich mehr. Gleichwohl hilft der Erkenntnisgewinn aus guten fachlichen Symposien der eigenen Bildung und unmittelbar damit der Weiterentwicklung der DGWMP.

WM: Herr Generalarzt, wir danken für das offene und informative Gespräch, hoffen auf eine weitere fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Verlag und Gesellschaft und wünschen Ihnen persönlich alles Gute. 

Datum: 04.01.2018

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 4/2017