Wehrmedizinische Monatsschrift 7/2017

QUIPS im Bundeswehrkrankenhaus Hamburg / Etablierung einer patientenorientierten Schmerztherapie

Aus der Abteilung Anästhesie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie (Ltd. Arzt: Oberstarzt Dr. G. Hölldobler) des Bundeswehrkrankenhauses Hamburg (Chefarzt: Generalarzt Dr. J. Hoitz)

Zusammenfassung:

Hintergrund: Die Qualität der postoperativen Schmerztherapie ist nach wie vor verbesserungswürdig. Obwohl es nachweislich wirksame Schmerzbehandlungsverfahren gibt und evidenzbasierte Leitlinien publiziert sind, berichten in Deutschland immer noch etwa die Hälfte aller operierten Patienten über inakzeptable perioperative Schmerzen. Zur Verbesserung der postoperativen Schmerztherapie hat ein Team aus Schmerztherapeuten im Bundeswehrkrankenhaus (BwKrhs) Hamburg das Projekt „Qualitätsverbesserung in der postoperativen Schmerz-therapie (QUIPS)“ auf seine Eignung für die Anwendung im Sanitätsdienst untersucht.

Das Projekt QUIPS: Ziel von QIPS ist die Verbesserung der postoperativen Schmerzkontrolle durch regelmäßige Erhebung von Daten zur Therapiequalität, ihrer Analyse und die zeitnahe Rückmeldung an die beteiligten Kliniken. Aufbauend auf einer anschließenden Auswertung können Maßnahmen zur Verbesserung der Schmerztherapie eingeleitet werden. Durch die weitere kontinuierliche Datenerhebung kann der Effekt der Maßnahmen direkt und zeitnah überprüft werden.

Etablierung von QUIPS im BwKrhs Hamburg: Nach organisatorischer Vorbereitung konnte das Projekt in der Abteilung II (Allgemein- und Visceralchirurgie) des BwKrhs Hamburg gestartet werden. Von August bis Dezember 2016 wurden 158 in dieser Abteilung behandelte Patienten befragt. Für die drei häufigsten Eingriffe (Herniotomie, Cholezystektomie und Appendektomie) liegen verwertbare Ergebnisse vor, die eine schmerztherapeutische Unterversorgung in der perioperativen Phase zeigen. Aktuell werden nach interdisziplinären Beratungen chirurgische und anästhesiologische Standard Operating Procedures (SOP) erstellt. Diese werden im IV. Quartal 2017 erneut mit QUIPS evaluiert. Die Ausweitung mittels quartalsweiser Rotation der Befragung auf andere interessierte Stationen ist bereits vollzogen.

Ausblick: Die Beantragung der QUIPS-Medaille als Ausdruck der kontinuierlichen Teilnahme am Projekt ist anvisiert. Sinnvoll ist eine Expansion der Erfassung in andere BwKrhs, um die Qualität der Schmerztherapie für Soldaten und zivile Patienten weiter zu verbessern. Zukünftig wäre auch die Möglichkeit einer QUIPS-basierten Qualitäts-sicherung der Schmerztherapie im Einsatz, insbesondere im -Rahmen des Patiententransports (Medical Evacuation, MedEvac), in Erwägung zu ziehen.

Schlüsselworte: QUIPS, postoperative Schmerztherapie, Benchmarking, Herniotomie, Cholezystektomie, Appendektomie, PONV

Keywords: QUIPS, postoperative analgesia, benchmarking, herniotomy, cholecystectomy, appendectomy, PONV

Hintergrund

Die Qualität der postoperativen Schmerztherapie ist nach wie vor verbesserungswürdig [1]. Obwohl es nachweislich wirksame Schmerzbehandlungsverfahren gibt und evidenzbasierte Leitlinien publiziert sind, berichten in Deutschland immer noch etwa die Hälfte aller operierten Patienten über inakzeptable perioperative Schmerzen [2, 3].

Zur Erfassung der postoperativen Schmerztherapie existieren in Deutschland verschiedene Projekte des Schmerzmanagements. Gut mess- und erfassbar sind Struktur- und Prozessparameter, die zum Beispiel bei der TÜV Rheinland-Zertifizierung: „Qualitätsmanagement Akutschmerztherapie“ eine wesentliche Rolle spielen. Eine Erfassung der Ergebnisqualität aus der Patientenperspektive ist dagegen aufwändiger, da in der Regel Patienten direkt befragt werden müssen [2].

Qualitätsmanagement Schmerz

Im BwKrhs Hamburg umfasste das Schmerzmanagement bis 2016 verschiedene SOP und abteilungsinterne Konzepte, die sich an vorhandenen Leitlinien und Empfehlungen sowie Erfahrungen orientierten. Der Schmerzdienst der Abteilung Anästhesie hat eine tägliche postoperative Visite etabliert, die jedoch vor allem Patienten mit einliegenden Schmerzkathetern betrifft. Zudem wird auf konsiliarischer Anforderung bei abteilungsintern nicht beherrschbaren Schmerzen oder bei komplexen Fällen interveniert. Die regelmäßige Nachfrage nach der aktuellen Schmerzstärke (numerische Ratingskala, NRS) durch das Pflegepersonal schafft ein verlässliches Schmerzbewusstsein. Die Erstellung der hauseigenen „Schmerzfibel“ unterstützt und orientiert die ärztlichen Kollegen, vor allem der operativen Abteilungen, in ihrer Schmerz-Behandlungsmotivation. All diese genannten Aspekte lassen sich als Struktur- („Was ist vorhanden?“) und Prozessparameter („Wie wird es gemacht?“) subsummieren.

Bei der Zertifizierung „Qualitätsmanagement Akutschmerztherapie“ durch den TÜV Rheinland werden üblicherweise im zweijährlichen Rhythmus genau diese Parameter erfragt. Der Patient rückt dabei nur mittelbar in den Fokus. Zwar ist eine Verbesserung der Akutschmerztherapie das erklärte Ziel dieser Zertifizierung, aber ob der Patient dieses auch so empfindet, wird nicht abgeklärt. Ein direktes Feedback von Seiten des Patientenkollektivs ist nicht vorgesehen. Strukturen und Prozesse sollten aber niemals Selbstzweck sein; das Ziel jeder medizinischen Maßnahme ist die Verbesserung des Behandlungsergebnisses für den Patienten. Daher sollten auch alle Maßnahmen zur Qualitätssteigerung auf eine Verbesserung der Ergebnisqualität („Was kommt dabei heraus?“) abzielen [2].

Nach umfangreichen Recherchen, Beratungen und Schulungen wandte sich am BwKrhs Hamburg ein Team aus Schmerztherapeuten unter Leitung von Oberfeldarzt Dr. Schwarz dem QUIPS-Projekt zu. Über die hierbei gemachten Erfahrungen wird in diesem Beitrag berichtet.

Das Projekt „QUIPS“

Das Akronym steht für: Qualitätsverbesserung in der postoperativen Schmerztherapie und wurde an der Universitätsklinik Jena aus einer klinikinternen Therapieanweisung im Jahre 1996 über verschiedene Zwischenschritte als eine kontinuierliche Erhebung entwickelt.

Ziel von QUIPS ist die Verbesserung der postoperativen Schmerz-kontrolle durch regelmäßige Erhebungen von Daten zur Therapiequalität, ihre Analyse und die zeitnahe Rückmeldung an die beteiligten Kliniken. Im Vordergrund stehen dabei Parameter der Ergebnisqualität aus der Patientenperspektive. Dadurch liefert QUIPS eine valide Datengrundlage zum inner- und interklinischen Vergleich, zur Identifikation von Defiziten, zum gezielten Ressourceneinsatz und zur Erfolgskontrolle von Verbesserungsbemühungen.

Eine Reihe von klinisch-demographischen Daten sowie Parameter der Ergebnisqualität werden mit Hilfe eines standardisierten Patientenfragebogens erfasst. Nach Eingabe in einen PC und der Versendung an den zentralen QUIPS-Server werden die Daten ausgewertet und die Ergebnisse an die teilnehmenden Kliniken zurückgemeldet. Alle Daten sind bei ihrer Übertragung auf den zentralen Server anonymisiert.

Auf Grundlage der zurückgemeldeten Ergebnisse kann die Qualität der postoperativen Schmerztherapie analysiert werden. Hierbei sind eine Analyse der eigenen Station im Zeitverlauf, das Schmerzmanagement bezüglich einzelner Operationen und auch der Vergleich mit anderen teilnehmenden Zentren möglich.

Aufbauend auf einer anschließenden Analyse können schmerztherapeutische Verbesserungsmaßnahmen eingeleitet werden. Durch die weitere Datenerhebung kann der Effekt der Maßnahme direkt und zeitnah überprüft werden.

QUIPS kann in Kliniken beliebiger Größe durchgeführt werden. Es ist nicht an eine bestimmte Bettenzahl oder ein besonderes OP-Spektrum gebunden. Das Projekt steht unter der Schirmherrschaft des Berufsverbands Deutscher Anästhesisten (BDA) und der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI). Die Deutsche Gesellschaft für -Chirurgie (DGCH) und der Berufsverband Deutscher Chirurgen (BDC) sind Kooperationspartner des Projektes [4, 5, 6]. QUIPS ist ein von den genannten Fachgesellschaften getragenes Non--profit--Projekt und zu 100 % industriefrei. Teilnehmende Kliniken zahlen unabhängig von Größe und Bettenzahl eine jährliche Teilnahmegebühr von 1 500,- € für die Nutzung des Benchmark-Servers und eine Reihe weiterer Unterstützungsleistungen.

Für weitere Informationen wird auf die Internetseite des QUIPS- Projektes: www.quips-projekt.de verwiesen. Die einzelnen Elemente und Funktionalitäten von QUIPS werden im Zusammenhang mit der Darstellung der Etablierung und der ersten Ergebnisse näher erörtert.

Etablierung von QUIPS im BwKrhs Hamburg

Vorbereitung und Implementierung

Bevor die Autoren im BwKrhs Hamburg die erste QUIPS-Befragung und -Erhebung durchführen konnten, waren einige organisatorische Hürden zu nehmen:

Vergleichsweise unkompliziert verlief die Genehmigung durch den Chefarzt, die Krankenhausverwaltung, die Pflegedienstleitung, den Personalrat und die Beauftragten für Datenschutz bzw. IT-Sicherheit. Letztere sind für die Genehmigung der Nutzung des externen Erfassungs- und Auswertungsprogramms und die hierfür notwendige Internetverbindung erforderlich.

Parallel absolvierten die ersten Teammitglieder die QUIPS--Grundschulung, die von Prof. Dr. Meißner (Universitätsklinikum Jena) regelmäßig, meist flankierend zu den großen Anästhesiekongressen, kostenfrei und unabhängig von den Tagungskosten angeboten wird. Hierbei werden in etwa drei Stunden die Grundidee von QUIPS sowie Erhebungs- und Auswertungsempfehlungen vermittelt.

Interessanterweise gestaltete sich die Zustimmung der Ethikkommission der Ärztekammer (ÄK) Hamburg, trotz bereits bundesweiter und auch in Hamburg etablierter QUIPS-Projekte mit bereits zahlreich vorhandenen Ethikvoten anderer ÄK, schwieriger als gedacht. Schließlich erreichte erst intensiver Schriftverkehr ein auch für das BwKrhs Hamburg gültiges positives Votum der ÄK Hamburg.

In der Zwischenzeit wurde für die Pilotphase und Etablierung der Methode die Abteilung für Allgemein- und Visceralchirurgie (Abteilung II) unter Leitung von Flottenarzt Dr. Rost ausgewählt. Informationsveranstaltungen für die ärztlichen Kollegen dieser Pilotstation sowie für das Pflegeteam, aber auch für die Kollegen der Anästhesieabteilung vermittelten Grundlagenwissen rund um QUIPS und die geplante Befragungs- und Erhebungspraxis.

Erste Datenerhebung

Einschlusskriterien zur Befragung:

  • Eine Befragung erfolgt ab dem 18. Lebensjahr.
  • Der Patient muss postoperativ auf einer Station betreut werden die sich zur Teilnahme am Projekt QUIPS bereit erklärt hat.
  • Der Patient befindet sich postoperativ auf der Normalstation.
  • Patienten, die mehrmals in Folge operiert werden müssen,

werden während eines Krankenhausaufenthaltes nur einmalig befragt.

Grundsätzlich

  • ist ein sprachliches und intellektuelles Verständnis seitens des
  • Patienten Voraussetzung für das eigenständige Ausfüllen des Fragebogens,
  • soll der Patient wach und voll orientiert sein,
  • muss er seine schriftliche Einwilligung zur Teilnahme gegeben haben.

Im August 2016 erfolgte die erste QUIPS-Erhebung im Bereich der Abteilung II. Die Patientenklientel wurde aufgrund der vorhandenen OP-Pläne identifiziert und alle Patienten befragt, die am Vortag operiert worden waren und den Einschlusskriterien entsprachen (siehe Abbildung 1).

QUIPS im Bundeswehrkrankenhaus Hamburg / Etablierung einer patientenorientierten Schmerztherapie
QUIPS im Bundeswehrkrankenhaus Hamburg / Etablierung einer patientenorientierten Schmerztherapie

Abb. 2: QUIPS-Fragebogen Ergebnis Version 3.2 [5]

Idealerweise wird eine Befragung am ersten postoperativen Tag (maximal bis zum fünften Tag post operationem) empfohlen, da hier die Erinnerung an vorhandene bzw. erlebte Schmerzen noch gegenwärtig ist. Alle durchgeführten Eingriffe der Abteilung II werden durch die Erhebung erfasst, später kann über Filter auf dem Benchmarkserver eine eingriffsspezifische Analyse berechnet werden. Prinzipiell ist auch die selektive Erfassung einzelner Eingriffe möglich, jedoch ist dies aufgrund geringer Fallzahlen zunächst nicht zielführend.

Die identifizierten Patienten werden in ihren Zimmern aufgesucht, und es erfolgt zunächst eine kurze Vorstellung des Projektes und der Befrager. Die Freiwilligkeit zur Teilnahme und die anonymisierte Datenauswertung werden in diesem Zusammenhang betont. Anschließend füllt der Patient – in aller Regel selbst – den zweiseitigen Fragebogen (Abbildung 2) aus, der aus der Patientenperspektive eine Spiegelung der erlebten Schmerzen und Schmerztherapie ermöglicht.

Parallel werden aus der Patienten- und Pflegeakte klinisch-demographische sowie Prozessparameter dieses Patienten ausgelesen. Anschließend werden beide Dokumente wieder zusammengefasst und anonymisiert an die externe Datenbank übermittelt.

Die Befragung wurde von Montag bis Freitag mit allen geschulten Kollegen (zwei Ärzte und eine Pain-Nurse, Abb. 3 und 4) durchgeführt Im gesamten Erhebungszeitraum beobachteten wir eine außerordentlich hohe Motivation der Patienten zur Befragungsteilnahme (Teilnahmequote > 97 %).

QUIPS im Bundeswehrkrankenhaus Hamburg / Etablierung einer patientenorientierten Schmerztherapie

Abb. 3: Oberfeldarzt Dr. Schwarz weist einen Patienten in den QUIPS-Fragebogen ein.

Da jedes Teammitglied die QUIPS-Erfassung neben seinen originären Aufgaben realisiert, resultiert aus dieser qualitätssichernden Maßnahme eine zusätzliche zeitliche Belastung. Die Auftragslage der Abteilung lässt es dabei nur zu, dass sich ein ärztlicher Kollege einen „Organisationstag QUIPS“ im Monat ausschließlich für dieses Projekt vorbehalten kann. An diesem Tag sind, neben der üblichen Erfassung, auch bis dahin noch nicht eingegebene Bögen in die Datenbank zu überführen sowie Fortbildungen oder Auswertungen durchzuführen.

Der zeitliche Aufwand für einen Patienten soll an dieser Stelle exemplarisch konkret benannt werden:

  • Aufsuchen, Erklären und Austeilen sowie Einsammeln des Patienten-Fragebogen benötigt idealerweise zehn Minuten. Wird der Patient durch das QUIPS-Personal interviewt (z. B. Brille vergessen, Schreibhand verletzt, o. ä.) verlängert sich der Vorgang um 5 - 10 Minuten.
  • Das Auslesen der Daten aus den Akten benötigt fünf Minuten, die spätere Eingabe in den Rechner nochmal 3 - 5 Minuten.
  • Wir kalkulieren pro Patient einen kompletten idealen Zeitansatz von 20 Minuten. Üblicherweise befragen wir pro Tag 3 - 6 Patienten; dies bedeutet einen Arbeitsaufwand von 60 - 120 Minuten.

Dieser zeitliche Aufwand wird auf Grund der daraus resultierenden Verbesserung der Ergebnisqualität in der postoperativen Schmerztherapie als absolut lohnend bewertet.

Erste Ergebnisse

QUIPS im Bundeswehrkrankenhaus Hamburg / Etablierung einer patientenorientierten Schmerztherapie

Abb. 4: „Pain-Nurse“ Katrin liest die zu erfassenden Prozessparameter aus der Patientenakte aus und bereitet sie für die Eingabe in QUIPS vor.

Über die geschützte Webseite können die eigenen Ergebnisse zeitnah und unmittelbar nach der Eingabe, wie auch Vergleichsdaten anderer teilnehmenden Kliniken (insgesamt 224, aktuell aktiv 170 im deutschsprachigen Raum [2, 5]) abgerufen und zu Auswertungszwecken verwendet werden. Abbildung 5 zeigt die Oberfläche des QUIPS- Benchmark- Servers mit Parameter- und Filterauswahlfelder.

Im Erhebungszeitraum von August bis Dezember 2016 hat das QUIPS-Team im BwKrhs Hamburg 158 Patienten der Abteilung II hauptsächlich am ersten postoperativen Tag (85 %) ge-quipst“.

Mit den gewonnenen Daten sind, trotz der noch geringen Fallzahlen, erste Rückschlüsse möglich, die zu Konsequenzen in der perioperativen Schmerztherapie auffordern.

So schätzen 145 befragte Patienten – unabhängig von ihrer Operation – die Zufriedenheit mit der durchgeführten Schmerz-therapie auf einer 11-teiligen Skala mit einem Wert von 7,95 ein. Im Vergleich mit allen übrigen teilnehmenden Kliniken (Benchmarking) wird eine ganz knapp unterdurchschnittliche Einordnung (Mittelwert bei 8,25) erreicht. Das Ergebnis der Abteilung II ist in der Abbildung rot markiert hervorgehoben (Abbildung 6).

QUIPS im Bundeswehrkrankenhaus Hamburg / Etablierung einer patientenorientierten Schmerztherapie

Abb. 5: Screenshot des Benchmarkservers mit angezeigter Filter- und Parameterauswahl (Bildquelle modifiziert nach [2]).

Der Betrachter erkennt so für die eigene Analyse zwar seine rot markierte Abteilung und alle übrigen teilnehmenden Kliniken als grau gehaltene Balken, kann diese aber nicht weiter identifizieren.

In Tabelle 1 sind die drei quantitativ häufigsten Eingriffe der Abteilung II und deren QUIPS-Ergebnisse aufgeführt. Die Appendektomie weist keine Benchmarkwerte auf, da weniger als 20 Patienten befragt wurden. Dennoch erfolgte eine Darstellung, da es sich hierbei um einen sehr schmerzhaften Eingriff handelt, und eine Kontrolle der vorhandenen Schmerztherapie notwendig erschien. Für alle übrigen Operationen der Abteilung sind wegen zu geringer Fallzahlen Auswertungen mit Benchmarking zunächst nicht sinnvoll.

Für die Herniotomie schätzen die Patienten ihren maximalen und den Belastungsschmerz zwar über dem aufgezeigten Durchschnitt ein, aber nur 6 % hätten sich mehr Schmerzmedikation gewünscht. Insgesamt scheinen sie mit einer Bewertung von 8,21 knapp unterdurchschnittlich zufrieden mit der Schmerz-therapie zu sein.

QUIPS im Bundeswehrkrankenhaus Hamburg / Etablierung einer patientenorientierten Schmerztherapie

Abb. 6: Zufriedenheit mit der perioperativen Schmerztherapie; auf der X-Achse: Nummer der verglichenen Kliniken, Y-Achse: Mittelwerte der Zufriedenheitswerte (Skala 1 – 11).

Für die Cholezystektomie und Appendektomie fallen die Patienten bei allen gefragten Schmerzen als schmerzgeplagt auf und quittieren dies auch bei der Frage, ob sie sich mehr Schmerz-medikation gewünscht hätten, mit 25 % bzw. 31 % Bejahung. Überraschenderweise schlägt sich dieser Fakt nicht deutlicher auf die Zufriedenheit mit der Schmerztherapie nieder – mit 8,42 wird für die Cholezystektomie sogar ein knapp überdurchschnittlicher Wert erreicht.

Dass die Patienten nach einer Gallenblasenentfernung über postoperative Übelkeit (PONV) klagen, erscheint bereits durch die chirurgische Intervention plausibel. Dass aber Appendektomien mit 31 % und Herniotomien mit 21 % im BwKrhs Hamburg ebenfalls unter einer PONV leiden, hat überrascht.

Diese Ergebnisse sind inzwischen auf ärztlicher und pflegerischer Ebene in der Abteilung II und auch den Anästhesisten des BwKrhs Hamburg vermittelt. Gleichzeitig sind vielfältige Vorschläge für chirurgische und anästhesiologische Maßnahmen zur Optimierung der perioperativen Schmerztherapie und PONV-Prophylaxe unterbreitet worden. (Abbildungen 5 und 6).

Aktuell werden diese im oberärztlichen, wie auch im interdisziplinären Kreis unter Beachtung der bereits erwähnten Leitlinien und Erfahrungswerten aufeinander abgestimmt, so dass in Kürze ein für den jeweiligen Eingriff passendes multimodales Maßnahmenbündel sowohl in eine chirurgische, wie auch in eine anästhesiologische SOP mündet. Im Frühjahr und Sommer können diese neuen Handlungsanweisungen im klinischen Alltag etabliert und im IV. Quartal 2017 erneut mit QUIPS überprüft werden. Über die getroffenen Maßnahmen und die Ergebnisse der QUIPS-Überprüfungen wird in einem Folgebeitrag im ersten Quartal 2018 berichtet werden.

Vorschläge für chirurgische bzw. anästhesiologische Maßnahmen

  • Wundrandinfiltration mit langwirksamen Lokalanästhetikum bei offenen und laparoskopischen Eingriffen;
  • Intraperitoneale Applikation von Lokalanästhetika nach Entfernung der Gallenblase;
  • Regionalanästhesien (z.B.: TAP-Blocka), SpAb), PDKc));
  • Schmerzhaftere Eingriffen (Appendektomie, Cholezystektomie) einem potenteren Schmerzstandard zuordnen;
  • Anwendung nicht-medikamentöser Methoden zur Schmerzlinderung (z.B. Wärme, Kälte, Ablenkung, Entspannungsverfahren);
  • Intensive Utilisierung aller „weichen Parameter“ (z.B. Nutzung vorhandener Infrastruktur, empathische Kommunikation, ehrliche Aufklärung und Edukation des Patienten, Einbeziehen des Patienten in Therapieentscheidungen).

a) TAP-Block: Transverse Abdominis Plane Block (periphere Nervenblockade zur Anästhesie der vorderen Bauchwand)
b) SpA: Spinal-Anästhesie
c) PDK: Periduralkatheter zur intra- und postoperativen Anaesthetikagabe

Abbildung 5: Vorschläge für chirurgische Maßnahmen

Weiterentwicklung

Ein reger direkter, nicht nur webbasierter Austausch wird im Rahmen von QUIPS von Prof. Dr. Meißner zusätzlich in sogenannten „Anwendertreffen“ realisiert. Hier tauschen sich verschiedene interessierte Kliniken direkt über schmerzhafte und hinsichtlich der Schmerzen oft schwierig zu therapierende Eingriffe aus, wie zuletzt über die Tonsillektomie anlässlich des Hauptstadtkongresses (HAI) 2016 in Berlin. Über die üblichen medikamentösen Behandlungsstandards hinaus, wurden hierbei auch Innovationen, wie die postoperative orale Applikation von Honig, zur lokalen Schmerzverminderung besprochen und dazu eine QUIPS-Erhebung geplant.

Des Weiteren können zukunftweisende Studien rund um das Thema Schmerz unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dr. Meißner und den QUIPS-anwendenden Kliniken realisiert werden. Anfang 2016 wurde zum Beispiel der Einfluss von Licht bzw. Lichtstärke auf die empfundene Schmerzstärke mit Hilfe von ausgegebenen Lichtmessgeräten und QUIPS- Erhebungen an ausgewählt teilnehmenden Kliniken untersucht. Die Ergebnisse dieser Studie werden mit Spannung erwartet.

Interessant für alle QUIPS-Anwender ist außerdem die zusätzliche Option zur wissenschaftlichen Nutzung der gesammelten eigenen Rohdaten, wie sie für Veröffentlichungen, Promotionen und Leistungsentwicklungen notwendig sind.

Da zukünftig keine personelle Aufstockung unseres Teams zur Bewältigung des QUIPS-Arbeitsaufwandes zu erwarten ist, die Ausweitung der Befragung auf andere operativ tätige Abteilung unseres Hauses aber realisierbar sein sollte, war eine quartalsweise Abteilungsrotation unumgänglich. Aktuell erfassen wir die Eingriffe der HNO-Abteilung. Auf Grund der Erfahrungen der Erfassungszeit in der Abteilung II, fokussieren wir uns inzwischen auf „Schwerpunktoperationen“ (Tonsillektomie, Septumplastik mit und ohne Nasennebenhöhle, Weichteiloperationen). Am Ende des jeweiligen Erfassungszeitraumes erfolgt ebenfalls eine umfassende Auswertung und Beratung, ggf. Anpassung der vorhandenen Schmerztherapie der teilnehmenden Abteilung, um sie bei Bedarf im Folgejahr erneut via QUIPS überprüfen zu lassen.

Ausblick

QUIPS im Bundeswehrkrankenhaus Hamburg / Etablierung einer patientenorientierten Schmerztherapie

Abb. 7: Die Medaille wird an Krankenhäuser vergeben, die sich erfolgreich am QUIPS-Projekt beteiligt haben.

Eine wesentliche Auswirkung von QUIPS ist, dass wir uns neuerdings – im Gegensatz zur bisherigen TÜV Rheinland-Zertifizierung – kontinuierlich mit dem Schmerzmanagement, den kooperierenden operativ tätigen Abteilungen und vor allem mit unseren Patienten auseinandersetzen. So versuchen wir, stetig erfolgreich weiter an einer Verbesserung der Akutschmerztherapie im BwKrhs Hamburg zu arbeiten. Mit der geplanten Beantragung der „QUIPS-Medaille“ (Abbildung 7) wollen wir diese Intention, sichtbar für alle Patienten und Mitarbeiter des Hauses, darstellen.

QUIPS hat im zivilen Sektor seinen Stellenwert als wertvolles, kontinuierliches, wenn auch aufwändiges Messinstrument längst erreicht. Das Team um Oberfeldarzt Dr. Schwarz im BwKrhs Hamburg ist das erste im Sanitätsdienst der Bundeswehr, das QUIPS etabliert hat und anwendet. Dieses erfolgversprechende Projekt kann unserer Meinung nach auf alle anderen Bundeswehrkrankenhäuser ausgeweitet werden, um die Qualität der Schmerztherapie für Soldaten und zivile Patienten weiter zu verbessern.

Zukünftig überlegenswert wäre unter anderem eine QUIPS-basierte Qualitätssicherung der Schmerztherapie im Einsatz, insbesondere im Rahmen MedEvac. Da allerdings nicht alle repatriierten Patienten einer Operation bedürfen oder bedurften, muss die Einführung des geplanten QUIPS-Tools für konservative Fächer abgewartet werden. Die generelle Koordination, die Datenaufnahme und Auswertung sollten fokussiert erfolgen.

Kernaussagen

  • QUIPS ist ein multizentrisches, interdisziplinäres Bench-mark--Projekt zur Verbesserung der Akutschmerztherapie in operativen Zentren/ Krankenhäusern mit dem Ziel, die Ergebnisqualität der postoperativen Schmerztherapie systematisch zu verbessern.
  • Durch standardisierte Erhebung weniger Qualitätsindikatoren, ihre Analyse und Rückmeldung an die beteiligten Kliniken und ein webbasiertes automatisiertes Feedback wird ein internes und externes Benchmarking sowie eine kontinuierliche Verlaufsbeobachtung ermöglicht.
  • Erfahrungen aus der ersten Anwendung von QUIPS in der Abteilung II des BwKrhs Hamburg trugen bereits zur Anpassung von SOP bei und zeigten, dass ein monomodaler chirurgischer und/oder anästhesiologischer Therapieansatz nicht sinnvoll und nicht ausreichend ist.
  • Die personellen und zeitlichen Investitionen für die Etablierung und Fortführung dieses Projektes münden unmittelbar in eine Verbesserung der Patientenversorgung; eine Ausweitung von QUIPS auf alle BwKrhs erscheint sinnvoll.

Literatur

  1. Meißner W: Schmerzintensität und -therapie nach verschiedenen operativen Eingriffen. DAAF 2015; 41: 143 - 149
  2. Meißner W: Qualität der Schmerztherapie in Deutschland – Qualitätsmanagement und -sicherung in der Akutschmerztherapie. AINS 2016;51: 50 - 55
  3. Maier C, Nestler N, Richter H et al: Qualität der Schmerztherapie in deutschen Krankenhäusern. Dtsch Ärztebl 2010; 107: 607 - 614
  4. Benutzerhandbuch Standard Operating Procedures QUIPS (SOPs) Version 06/2016
  5. QUIPS-Fragebogen Ergebnis Version 3.2
  6. www.quips-projekt.de
  7. Beerheide R, Osterloh F: Beginn einer neuen Ära. Dtsch Ärztebl 2016; 113: 1458 - 1459

 

Bildquellen:

Abbildungen 1 - 3, 6 und 7: Mit freundlicher Genehmigung durch das Projektmanagement QUIPS
Abbildungen 4 und 5: BwKrhs Hamburg – Abteilung Anästhesie und Intensivmedizin

Für die Verfasser:

Oberstabsarzt Annett Berling
Bundeswehrkrankenhaus Hamburg
Abteilung Anästhesie und Intensivmedizin
Lesserstrasse 180, 22049 Hamburg
E-Mail: annettberling@bundeswehr.org

Autor:

Partner der Bundeswehr

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