Wehrmedizin und Wehrpharmazie 2/2017

Global Health Security –

Aus der Akkon Hochschule für Humanwissenschaft (Präsident: Prof. Dr. G. Hellmann), der Führungsakademie der Bundeswehr (Kommandeur: Konteradmiral C. Stawitzki) und dem Bundeswehrkrankenhaus Hamburg (Chefarzt: Generalarzt Dr. J. Hoitz)

Der Ebola-Ausbruch in Westafrika hat die Aufmerksamkeit globaler Gesundheitspolitik auf Schwächen im Gesundheitsschutz weltweit gelenkt. Auf globaler, nationaler und regionaler Ebene sind Strategien zur Bekämpfung neu auftretender Infektionskrankheiten nur unzureichend ausgebildet. Deshalb haben die Vereinten Nationen, die WHO, G7 und G20 sowie regionale supranationale Organisationen wie die EU und die Afrikanische Union Aspekte der Sicherheit der globalen Gesundheit (Global Health Security) auf die Tagesordnung gesetzt.

Global Health Security –

www.worldhealthsummit.org

Als direkte Reaktion auf die Ebola-Epidemie wurde bereits eine Reihe von Maßnahmen eingeleitet: Die WHO wurde reformiert mit Blick auf eine schnellere Reaktionsfähigkeit auf globale Gesundheitsnotfälle. Dabei sollen die Internationalen Gesundheitsvorschriften (international health regulations, IHR) besser in den einzelnen Mitgliedsländern umgesetzt und ggf. neu formuliert werden. Um die Kapazität eines Landes zu beurteilen, Prophylaxe, Detektion von und Abwehrstrategien gegen Gesundheitsnotfälle vorzuhalten, wurden Indikatoren für eine externe Qualitätskontrolle entwickelt.

Doch was ist Global Health Security eigentlich? Und wie kann ausgehend von einer Definition die Rolle von militärischen und zivilen Institutionen, von Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen beim Aufbau von Präventions- und Resilienzmaßnahmen bestimmt werden?

Global Health Security (GHS) befasst sich mit der Bedrohung der globalen Gesundheit durch Infektionskrankheiten im Rahmen von Epide­mien und Pandemien, hervorgerufen durch altbekannte (re-emerging) oder neu entdeckte Erreger (newly emerging infectious diseases); aber darüber hinaus auch mit der Bedrohung durch nicht-übertragbare Erkrankungen (non-communicable diseases, NCD). GHS umfasst daher Prävention, Detektion und wirksame Bekämpfung von solchen Bedrohungen durch verschiedene Akteure und ihre entsprechende (weltweite) Vernetzung: zivil-militärisch, Regierungen und NGOs, public private partnerships, Forschung und Entwicklung und Gesundheitssektor. Idealerweise haben Projekte zur Stärkung von GHS einen positiven Einfluss auf Gover­nance im Gesundheitssektor und hier insbesondere auf politische Regelungen im Bereich der Verantwortlichkeit und Transparenz von staat­licher Handlungsfähigkeit.

Zusätzlich können Unterstützungen und Kooperationen im Gesundheitswesen bei politisch sensitiven und eingefahrenen Situationen genutzt werden und damit einen Beitrag sowohl zur Stärkung von GHS als auch als „neutrales“ Mittel der Diplomatie und im besten Falle krisenpräventiv wirken.

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John F Kennedy Medical Center in Monrovia; auf dem Höhepunkt der Ebola-Krise in Liberia beraten Deutsches Rotes Kreuz, Bundeswehr und Auswärtiges Amt gemeinsam die Unterstützung der stark eingeschränkten Gesundheitsstruktur in Monrovia, hier mit dem Aufbau einer Triageeinheit bei einer der wenigen funktionierenden Krankenhäuser in Monrovia. (Abb. mit freundlicher Genehmigung durch Virganz und Wiemer)

Die einmal jährlich stattfindende Münchener Sicherheitskonferenz behandelt Themen, die politische Entscheidungs- und Verantwortungsträger nachts nicht schlafen lassen: Kriege und andere militärische Konflikte, die welt­weite Kontrolle von Massenvernichtungswaffen, Ter­rorismus, Energiesicherheit und seit kurzem auch Gesundheit. Epidemien wie Ebola, Influenza oder Zika können Länder, aber auch ganze Weltregionen de­stabilisieren, indem sie die Vulnerabilität der fragilen Staatlichkeit verstärken und Konflikte katalysieren. Gerade die Ebola-Krise in Westafrika hat ein solches Potential offenbart: Nicht auszudenken, was für Konsequenzen eine Einschleppung des Virus nach Indien gehabt hätte, wo es sich klimatisch und aufgrund fehlender medizinischer In­frastruktur leicht hätte ausbreiten können. Länder wie Liberia und Sierra Leone wurden von der Epidemie regelrecht überrollt, während es Nigeria gelang, einzelne Herde des hämorrhagischen Fiebers im eigenen Land erfolgreich zu bekämpfen. Entscheidend für den Umgang mit der Ebola-Epidemie war der jeweilige Zustand von Strukturen des eigenen Gesundheitssystems. In der Post-­Bürger­kriegs­situa­tion in Sierra Leone und Liberia gab es zum Zeitpunkt des Aus­bruches von Ebola noch keine funktionierenden Gesundheitseinrichtungen, keine Sur­veillance-­Systeme und kaum health posts sowie nur eine unzureichende Ge­sund­heitsinforma­tion. In Nigeria gab es sowohl Meldewesen, Surveillance als auch effektive Behandlungszentren vor Ort. Und rechnet man nicht den späteren Zeitpunkt des Auftretens der ersten Ebolafälle in Nigeria, war das nigerianische Gesundheitswesen insgesamt besser aufgestellt und konnte infolgedessen die Epidemie bereits im Keim ersticken.

Effektivität und Outcome von Gesundheitssystemen sind also entscheidend für Prävention und Resilienz im Angesicht von globalen Gesundheitsbedrohungen. Die WHO hat zur Stärkung von nationalen Gesundheitssystemen 2010 das Programm „Universal Health Coverage“ (UHC, 1) ins Leben gerufen, das allen Mitgliedstaaten Hilfestellung geben soll, das Angebot von möglichst guten Gesundheitsleistungen, die Finanzierung derselben und das Erreichen der gesamten Bevölkerung sicherzustellen. Diese drei Dimensionen der UHC sollen regelmäßig extern überprüft werden. Als Reaktion auf die Ebola-Krise will die WHO die Implementierung der UHC stärker vorantreiben.

Zu den Lehren aus der Ebola-Krise gehört auch, dass außer einer allgemeinen Verbesserung der Abdeckung mit Gesundheitsstrukturen die Einrichtungen des öffentlichen Gesundheitswesens in den Bereichen Frühwarnung und Detektion gestärkt werden müssen: Dazu gehören eine verbesserte Datensammlung und –verarbeitung, supranationale Surveillance- und Monitoring-Systeme, Labornetzwerke, schnelle epidemiologische Eingreifteams und eine solide Finanzierung dieser vernetzenden und überstaatlichen Einrichtungen. Für Westafrika soll dies seit Mai 2015 ein regionales Center for Disease Control mit Sitz in Abidjan, Nigeria, koordinieren (2).

Auf globaler Ebene bemüht sich die WHO, Empfehlungen für den Umgang mit globalen Gesundheitsrisiken zu formulieren. Im Januar 2016 hat eine entsprechende Kommission (commis­sion on creating a global health risk framework for the future) ihren Bericht veröffentlicht (3). Darin wird empfohlen, die nationalen Public-­health-Strukturen zu stärken, Forschung und Entwicklung zu fördern und die Resilienz besonders gefährdeter Staaten zu erhöhen. Dazu wird ein Technical Governance Board eingerichtet. Die Finanzierung soll über ein Pandemic emergency Finance Capacity Program der Weltbank sichergestellt werden (4). Sie sieht Ausgaben von jährlich 4,5 Milliarden $ vor, davon 3,35 Milliarden für den Ausbau nationaler und supra­nationaler Public-health-Strukturen, 150 Mil­lionen für die Entwicklung von Notfallplänen auf globaler, nationaler und regionaler Ebene und 1 Milliarde für Forschung und Entwicklung.

Forschung für GHS sollte nicht nur die Entwicklung verbesserter Diagnostik, neue Impfstoffe und neue Medikamente umfassen, sondern auch epidemiologische Fragestellungen, Ansätze für die Entwicklung von Gesundheitssystemen und Strategien für Notfallpläne sowie in ihrem Rahmen die Ausbildung relevanter Kräfte. Dabei ist wichtig, dass Forschungsförderung nicht nur vertikal funktioniert, also top-down und nur für eine bestimmte Erkrankung, wie es im Rahmen der Erfüllung der Millenniumentwicklungsziele der Fall war, sondern horizontal (und ggf. sogar „diagonal“). Horizontal, um allgemeine Prinzipien von Notfallplanungen gegen globale Gesundheitsnotfälle zu entwickeln und um die verschiedenen Institutionen auf supranationaler, nationaler und lokaler Ebene miteinander und auf den jeweiligen Ebenen untereinander sinnvoll zu vernetzen.

Und doch reicht es nicht, GHS nur für den Bereich Gesundheit zu denken. Andere Bereiche wie Landwirtschaft, militärische Sicherheit, die Reise- und Tourismusbranche sowie kritische Infrastrukturen wie Geldverkehr, Lebensmittelversorgung, ÖPNV etc. müssen in die o. g. Planungen einbezogen werden. Hier sind besonders die politischen Entscheidungsträger gefordert, im Bereich Governance und Diplomatie auf globaler Ebene geeignete Rahmenbedingungen zu schaffen, dass Planungen und Resilienzbildungen erfolgreich sind und auch die notwendige politische und finanzielle Absicherung erfahren. Der letzte G7-Gipfel hat dazu ein Statement veröffentlicht, in dem die Unterstützung des Umbaus der globalen Gesundheitsstrukturen zugesichert wird (5). Eine entsprechende Unterstützung durch die G20-Staaten steht noch aus.

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Der Vorsitzende der Münchner Sicherheitskonferenz, Prof. Dr. Ischinger mit Vertretern aus der Wirtschaft, WHO und Akademien, thematisieren sicherheitspolitische Aspekte auf dem World Health Summit 2016 in Berlin; www.worldhealthsummit.org

Auch die Militärmedizin sowie das Engagement der Streitkräfte in internationalen zivilmilitärischen Projekten können wertvolle Beiträge zu GHS leisten. Die Einbeziehung von Streitkräften zur Unterstützung zivil-medizinischer Notlagen wird auf multinationaler Ebene unterschiedlich gehandhabt. So haben beispielsweise ISAF Na­tionen erheblich durch die Aufbauunterstützung eines eigenständigen Gesundheitswesens für die afghanischen Streitkräften die Gesundheitsstruktur Afghanistans mitbeeinflusst. Damit gehörte ein funktionierender afghanischer Sanitätsdienst als eines der drei Hauptziele („Lines of Operation 3“) der International Security Assistance Force. Ebenso haben diverse Nationen signifikant mit deren nationalen sanitätsdienstlichen Ressourcen zur humanitären Hilfen beitragen insbesondere bei den Naturkatastrophen unteranderem in Pakistan, Indone­sien, Haiti, Nepal.

Eine ernsthafte Beschäftigung mit GHS muss auch die Problematik von Gesundheitsversorgung in failing oder failed states behandeln sowie die Frage, wie sicher medizinische Einrichtungen wie Krankenhäuser und neutrale medizinische Hilfseinrichtungen (Rotkreuz/Roter-­Halbmond-Bewegung) in militärischen Konflikten heute noch sind.

Nicht zuletzt nach der Ebola-Krise, die den Zusammenhang zwischen Gesundheit und Sicherheit bzw. Stabilität eines Landes oder Region verdeutlicht hat und jetzt immer mehr Einzug in die Agenda der Sicherheitspolitik hält, beschäftigten sich die USA mit der Auswirkung von militärischen „Engagements“ in Global Health. Das US Verteidigungsministerium gibt jährlich ca. 600 Millionen USD für Global Health Projekte (6) aus und hat letztes Jahr das Center for Global Health Engagement geschaffen um die nationale Sicherheit durch gesundheitsrelevante Fähigkeiten in den militärisch geführten Missionen zu unterstützen.

Vor kurzem hat die Coalition for epidemic preparedness and innovation (CEPI) ihre Arbeit aufgenommen (7). Sekretariat und Koordination haben ihren Sitz in Norwegen. Die WHO arbeitet an o.g. Initiativen im Rahmen ihrer Global ­Health Security Agenda (GHSA). Und die Weltbank hat mit der Pandemic Emergency Financing Facility (PEFF) ein entsprechendes Förderprogramm aufgelegt. Der World Health Summit 2016 hatte GHS in einem Highlevel-Panel als Thema auf der Agenda. Darauf aufbauend soll ein Lehrgang der Führungsakademie der Bundeswehr in Kooperation mit der Akkon-Hochschule für Humanwissenschaften in Form eines internationalen Workshops 2017 das Thema GHS Engagement mit dem World Health Summit verknüpfen.

Das Momentum nach dem Weckruf durch die Ebola-Krise wurde und wird also genutzt. Es bleibt zu hoffen, dass die verschiedenen Aktivitäten und die verschiedenen Akteure sinnvoll miteinander verknüpft werden und zu einer langfristigen Verbesserung von Prävention vor und Resilienz gegen global health threats führen.

 

Anschrift des Verfassers:
E-Mail: timo.ulrichs@akkon-hochschule.de

Autoren: Chr. Haggenmiller, Joachim Hoitz, Rolf von Uslar, Timo Ulrichs

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