Wehrmedizin und Wehrpharmazie 1/2014

SYNCHRONISATION, KOORDINATION, STEUERUNG

INTERVIEW MIT DEM ABTEILUNGSLEITER FÜHRUNG STREITKRÄFTE IM BUNDESMINISTERIUM DER VERTEIDIGUNG, VIZEADMIRAL HEINRICH LANGE

Am 1. August 2013 hat Vizeadmiral Heinrich Lange die Aufgaben als Abteilungsleiter Führung Streitkräfte (Fü SK) im Bundesministerium der Verteidigung (BMVg) übernommen.

Damit sorgt er für alle Belange der Einsatzbereitschaft der deutschen Streitkräfte. Im Interview spricht Vizeadmiral Lange über seinen Aufgabenbereich und die Herausforderungen, die ihn begleiten. Das Gespräch führten Heike Lange als Verlegerin des Beta- Verlages und Oberstarzt Dr. Kai Schmidt, Chefredakteur der Zeitschrift WEHRMEDIZIN UND WEHRPHARMAZIE (WM). 

Abb. 1: Vizeadmiral Heinrich Lange (Mitte) während des Gesprächs mit Heike Lange und Oberstarzt Dr. Kai Schmidt.

WM: Sehr geehrter Herr Admiral Lange, Sie haben am 1. August 2013 die Abteilung Führung Streitkräfte im Verteidigungsministerium übernommen und damit eine Abteilung, die sich insbesondere durch ihr besonders breit gefächertes Themenspektrum von Stationierungsfragen, Fragen der Inneren Führung, der Personalstruktur und der Gesundheitsversorgung bis hin zur Materialwirtschaft auszeichnet. Was ist der Hintergrund der enormen Bandbreite Ihrer Abteilung und wie passen all diese Themen zusammen?

Vizeadmiral (VAdm) Lange: Die Abteilung Führung Streitkräfte ist neben der Zuarbeit für die Bundesministerien die ministerielle Fachabteilung, welche insbesondere den Generalinspekteur der Bundeswehr bei der Bereitstellung einsatzbereiter Kräfte unterstützt. Dabei ergibt sich die von Ihnen angesprochene Themenbandbreite letztendlich aus den zahlreichen Einflussfaktoren, welche die Einsatzbereitschaft der Bundeswehr bedingen.
Dazu ein Beispiel: Um die individuelle Einsatzbereitschaft, aber auch die Einsatzbereitschaft der kleinen Kampfgemeinschaft sowie ganzer Einheiten und Verbände herzustellen, steht die Ausbildung unserer Soldatinnen und Soldaten an vorderster Stelle. Dafür werden die Grundsätze der Ausbildung von der Unterabteilung FüSK II erarbeitet und vorgegeben. Ein prominentes Beispiel ist die Weisung zur Steigerung der Individuellen Grundfertigkeiten und zum Erhalt der Individuellen Körperlichen Leistungsfähigkeit, kurz IGF/KLF. Diese reflektiert zum einen die körperlichen Anforderungen an unsere Soldatinnen und Soldaten, wie sie sich aus den aktuellen Einsätzen ergeben, berücksichtigt aber zum anderen auch medizinische Gesichtspunkte, die durch die sanitätsdienstliche Expertise der Unterabteilung FüSK II eingebracht wurden.
Zudem kann nicht jede Ausbildung überall durchgeführt werden. Schießausbildungen z. B. erfordern das Vorhandensein und den Betrieb von Schießanlagen oder Truppen- bzw. Standortübungsplätzen. Dabei sollten diese in der Fläche so vorgehalten sein, dass die Anreise der übenden Truppe im Rahmen bleibt. Daher ist in der Unterabteilung FüSK I u. a. die Stationierungsexpertise verortet worden, die auch unter diesen Gesichtspunkten zum Herstellen der Einsatzbereitschaft beiträgt.
Die Unterabteilung FüSK III steht schließlich für die materielle Einsatzbereitschaft der Bundeswehr. Hier werden z. B. Grundsatzweisungen für die Materialwirtschaft erarbeitet, welche dazu beitragen, dass der Soldat nach kurzer Anreise zu einer Schießanlage auch eine funktionsfähige Waffe zum Durchführen der angewiesenen Schießausbildung hat.
Auch der Grundsatz der Sanitätsmaterialwirtschaft einschließlich der Medizintechnologie fällt in diesen wichtigen Bereich. Die Weiterentwicklung der Sanitätsmaterialversorgung der Bundeswehr hin zu einer noch effizienteren service- und einsatzorientierten Ausrichtung steht dabei im Fokus der Bemühungen.
Zusammengefasst kommt der Abteilung Führung Streitkräfte in erster Linie eine Synchronisationsleistung von im BMVg parallel laufenden Prozessen zu. Hinzu kommt die Gestaltung und Berücksichtigung wesentlicher Rahmenbedingungen in den Fachaufgaben der Abteilungen, wie die Streitkräftestruktur oder die Stationierung in Verbindung mit Infrastrukturfragen. Darüber hinaus sind gleichermaßen Führungsstruktur und Organisation der Streitkräfte, Personalstruktur, Führungsmittel und IT-System der Bundeswehr, logistische Strukturen und Verfahren, Übungen sowie Betreuung und Fürsorge als auch die von Ihnen bereits angesprochene Gesundheitsversorgung anzuführen.
Damit habe ich im Wesentlichen eine Koordinations- und Steuerungsaufgabe, damit alle diese Einzelbereiche zu einem kohärenten Ganzen nach Zeit und Inhalt synchronisiert werden.

WM: Im Rahmen der Neustrukturierung der Bundeswehr wurde das Verteidigungsministerium verschlankt und auf ministerielle Kernaufgaben konzentriert. Aus den ehemaligen ministeriellen Inspekteuren mit ihren Führungsstäben sind heute Inspekteure und Befehlshaber mit höheren Kommandobehörden für ihre jeweiligen Organisationsbereiche geworden. Wie gestalten sich Aufgabenabgrenzung und Zusammenarbeit Ihrer Abteilung mit Heer, Luftwaffe, Marine, Streitkräftebasis und Zentralem Sanitätsdienst der Bundeswehr?

VAdm Lange: Es

SYNCHRONISATION, KOORDINATION, STEUERUNG

Abb. 2: „Synchronisation von im Verteidigungsministerium parallel laufenden Prozessen“, so Vizeadmiral Lange.

wäre unaufrichtig zu behaupten, dass mit der Geburtsstunde des „neuen“ BMVg am 1. April 2012 bereits alle Abgrenzungen optimal definiert und alle Schnittstellen vollständig ausgestaltet gewesen wären. Vielmehr bedurfte es einiger Zeit des Einpendelns, um im Fahrwasser der neuen Hierarchien und der einschlägigen Dokumente sicher fahren zu können. Die laufende Evaluierung untersucht den noch verbliebenen Nachsteuerungsbedarf.
Der Hauptanteil der Abstimmungen zwischen dem BMVg und dem nachgeordneten Bereich findet dabei auf der Ebene der Referate statt. Auf dieser Ebene wird tagtäglich eng mit den militärischen Organisationsbereichen zusammengearbeitet, Informationen werden ausgetauscht und Aufträge gemeinsam erfüllt.
Daneben ist es aber auch für mich von großer Bedeutung, regelmäßig mit den Kommandobehörden zu sprechen und im gegenseitigen Austausch zu stehen. Neben häufigen Telefonaten haben sich dazu zwei wichtige Gesprächsforen etabliert.
Zum einen findet 14-tägig ein gemeinsamer Jour Fixe mit den Chefs der Stäbe der militärischen Organisationsbereiche statt, in dem der Büroleiter des Generalinspekteurs der Bundeswehr sowie mein Büroleiter über aktuelle Themen und Entwicklungen aus dem BMVg und der Abteilung Führung Streitkräfte berichten aber auch die aktuellen Themen der militärischen Organisationsbereiche aufnehmen.
Ich selbst lade regelmäßig die Führung der fünf militärischen Organisationsbereiche zu einem Runden Tisch ein, bei dem es ebenfalls um den Austausch und den Dialog und die gemeinsame Ausgestaltung der Neuausrichtung der Bundeswehr geht.
Schließlich findet weiterhin unter Leitung des Generalinspekteurs der Bundeswehr der Militärische Führungsrat mit den Inspekteuren statt, zu dem auch die militärischen Abteilungsleiter im BMVg regelmäßig eingeladen sind.

WM: Herr Admiral Lange, wie sehen Sie das prozessorientierte Zusammenspiel mit den anderen ministeriellen Abteilungen?

VAdm Lange: Hier kommen Sie auf einen weiteren wesentlichen Aspekt der Neuausrichtung zu sprechen. Die Prozessmodellierung hat zunächst im Rahmen der Projekte der Neuausrichtung ihren Anfang genommen und wird derzeit zu einer Prozesslandkarte des Geschäftsbereiches BMVg weiterentwickelt. Dahinter verbirgt sich eine komplexe Matrixorganisation, die naturgemäß nicht deckungsgleich mit der Linienorganisation ist. Hier gilt es nun, im Rahmen zunächst ministerieller Abstimmungen unter der Ägide des Referates Neuausrichtung die Schnittstellen zu definieren. Es muss im Detail festgelegt werden, wer welche Hol- und Bringepflichten hat und wer wem welche Arbeitsergebnisse zu übergeben hat. Dies ist ein hochkomplexer Prozess, der sich in einer stetigen Entwicklung befindet.

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Sind diese Entwicklungen, die ohne Frage noch mit Geburtswehen behaftet sind, jedoch einmal auf einen übersichtlichen Stand gebracht, ist eine bisher nicht dagewesene Transparenz erreicht. Es wird klar ersichtlich, wer wem wann was und wie zu liefern hat. So kann auch klar ausgemacht werden, wenn es irgendwo hakt – z. B. im Bereich der Einsatzbereitschaft – und woran das liegt. Dies rührt auch daher, dass für jeden Prozessschritt eine klare Verantwortung zugewiesen ist. Letztlich wird auf diese Weise eine laufende Qualitätssicherung und Weiterentwicklung angelegt.
Es liegt natürlich in der Natur der Sache, dass derartige Neuerungen mit Skepsis betrachtet werden. Eine Matrixorganisation erfordert ein komplettes Neudenken in militärischen Hierarchien. Hier sind gleichermaßen Geduld und Beharrlichkeit auf allen Führungsebenen gefragt.
In Bezug auf die Belange, die auf ministerieller Ebene den Leistungsprozess „Gesundheitsversorgung sicherstellen“ betreffen, wurde der Inspekteur des Sanitätsdienstes als Prozesseigner mit der Wahrnehmung der Aufgaben des „Beauftragten für den Leistungsprozess Gesundheitsversorgung“ beauftragt und mir in dieser Funktion zur Seite gestellt.

WM: Ihre Abteilung beschäftigt sich auch mit den möglichen Folgen von Einsätzen für die Soldatinnen und Soldaten. Genannt seien nur die Stichworte Einsatzgeschädigte und psychische Einsatzfolgen. Vor nicht allzu langer Zeit eroberte das Thema Dunkelzifferstudie im Zusammenhang mit psychischen Einsatzfolgen die Schlagzeilen. Wie beschreiben Sie hier die aktuellen Entwicklungen?

VAdm Lange: Aus der von Ihnen angesprochenen sog. „Dunkelzifferstudie“ mit dem Titel „Prävalenz, Inzidenz und Determinanten von traumatischen Ereignissen, Posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) und anderen psychischen Störungen bei Soldatinnen und Soldaten mit und ohne Auslandseinsatz“ liegen mittlerweile erste Ergebnisse vor. Dabei hat sich u. a. gezeigt, dass das Problem der einsatzbezogenen PTBS mit einer Erkrankungsrate von 2 - 3 % nicht das Ausmaß erreicht, wie es aufgrund früherer Annahmen erwartet wurde. Wesentlich unterschätzt hingegen wurde bislang das Risiko anderer einsatzbezogener psychischer Störungen, wie z. B. Angst- oder Abhängigkeitsstörungen, aber auch langwieriger komplexer psychosozialer Komplikationen. Wie die Studie zeigt, wiesen ca. 20 % aller Soldaten bereits vor dem Einsatz eine manifeste psychische Störung auf, die weder erkannt noch therapiert war. Psychische Störungen sind in der Bundeswehr – wie auch in der Allgemeinbevölkerung (dort ca. 30 %) – nicht selten. Um für unsere Soldatinnen und Soldaten frühzeitig und differenziert handeln und reagieren zu können, scheint ein engmaschiges Screening sinnvoll. Zudem gilt es, unter Berücksichtigung der Verhältnisprävention, also der Adaption der bundeswehrinternen Rahmenbedingungen sowie der Verhaltensprävention des Einzelnen, der Entstehung psychischer Störungen vorzubeugen. Hierzu wird ein intensives Betriebliches Gesundheitsmanagement, welches durch die Abteilung FüSK mit verantwortet wird, mit Aspekten der gesunden Führung u. a. gesundheitsförderlich zur Stressbewältigung und Suchtprävention beitragen.
Es ist unser Ziel, anhand der Studienergebnisse die bestehenden präventiven, diagnostischen sowie therapeutischen Verfahren im Sinne aller Soldatinnen und Soldaten zu optimieren und weiterzuentwickeln.

WM: Welches sind die wesentlichen Themen, die Ihre Abteilung und die Streitkräfte mittelund langfristig beschäftigen werden?

VAdm Lange: Da unsere neue Ministerin sich deutlich gegen „eine Reform der Reform“ ausgesprochen hat, werden wir weiter mit Nachdruck an der Umsetzung der Neuausrichtung arbeiten. Für unsere wesent liche Leistung „Bereitstellen einsatzbereiter Kräfte“ bedeutet dies zunächst, dass ausgehend von der Dokumentenhierarchie unter Weiterentwicklung der Prozesslandschaft und abgeleitet vom Zielsystem der Leitung das Führungs- und Steu erungssystem Führung Streitkräfte als Werkzeug des Fähigkeitsmanagements etabliert und für die jährlichen Planungsrhythmen fortgeschrieben werden muss. Eines der Elemente in diesem Führungs- und Steuerungssystem ist auch die Gesundheitsversorgung der Bundeswehr. Nur unter Anwendung einheitlicher Werkzeuge sowie durch Transparenz und Klarheit festgelegter Ziele lassen sich die komplexen Vorgänge der Neuausrichtung umsetzen.
Als besonderen Schwerpunkt hat die Ministerin die Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf/Dienst, insbesondere im Dienstbetrieb im Inland, und die weitere Verbesserung der Attraktivität des Arbeitgebers Bundeswehr hervorgehoben. Auch dies sind Themen, welche die Abteilung Führung Streitkräfte seit geraumer Zeit bewegen. Dazu sind zahlreiche Arbeiten im Laufe der letzten beiden Jahre bereits erfolgt und beginnend in die Umsetzung gelangt. Exemplarisch seien dazu für die Gesundheitsversorgung die Themenfelder der Einsatzgeschädigtenversorgung und das Betriebliche Gesundheitsmanagement für das gesamte Ressort genannt.

WM: Herr Admiral Lange, herzlichen Dank für die offene Beantwortung unserer Fragen. Sie haben uns plakativ aufgezeigt, welche Themenvielfalt sich in Ihrer Abteilung verbirgt und verdeutlicht, warum diese Themen dennoch unter einer Hand zusammengehören. Wir wünschen Ihnen und Ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern weiterhin viel Kraft und Erfolg bei der Bewältigung der anstehenden Aufgaben und wünschen Ihnen für Ihr „Schnellboot FüSK“ immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel.

Autoren: Heike Lange, Kai Schmidt

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