Wehrmedizin und Wehrpharmazie 1/2010

"ES GIBT KEINE HINDERNISSE FÜR DEN, DER ERNSTLICH WILL"

Interview mit OTA d.R. Prof. Dr. Axel Ekkernkamp, Ärztlicher Direktor und Geschäftsführer Unfallkrankenhaus Berlin, ordentlicher Professor für Unfallchirurgie, Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald

"ES GIBT KEINE HINDERNISSE FÜR DEN, DER ERNSTLICH WILL"

GA Dr. Veit: Herr Prof. Ekkernkamp, mit Ihrem Namen sind viele Aktivitäten in der deutschen Wissenschaftslandschaft, aber auch in der Gesundheitspolitik verbunden. Welche der wichtigsten Stationen in Ihrem Leben möchten Sie den Lesern der Zeitschrift WEHRMEDIZIN UND WEHRPHARMAZIE vorstellen?

OTA d.R. Prof. Ekkernkamp: Das einschneidendste Ereignis war die Chance, die man ganz selten bekommt, nämlich ein neues Krankenhaus in Betrieb nehmen, eröffnen und dann auch führen zu können. Die Möglichkeit zu erhalten, gewählt zu werden als Arzt, in dem Fall als Unfallchirurg, und das vor der Grundsteinlegung eines Krankenhauses. Das war das Unfallkrankenhaus in Berlin in Marzahn, wo wir bei null angefangen haben. Die Eröffnung konnten wir mit 400 Mitarbeitern feiern, inzwischen haben wir 1.260 Mitarbeiter. Die besondere Herausforderung war, einen Betrieb von Grund auf ans Laufen zu bringen, was uns, so glaube ich, ganz gut gelungen ist.

Das zweite war, die Chance zu bekommen, einen Lehrstuhl für Unfallchirurgie übernehmen zu dürfen an der traditionsreichen Ernst-Moritz- Arndt-Universität Greifswald und dann über Jahre das parallele Erleben zu haben, nämlich ein hochmodernes Krankenhaus in Berlin nicht universitär und daneben eine fast 554 Jahre alte Universität mit einem hundert Jahre alten Krankenhaus, wo Sauerbruch und Bier und ähnliche Persönlichkeiten waren, leiten zu dürfen. Das war und ist eine schöne Sache. Wir haben Unfallforschung aufgebaut, wir haben zahlreiche Auslandsaktivitäten unternommen, haben sehr viele junge Leute mit Drittmitteln in die ganze Welt geschickt, Mitarbeiter von mir sind in Vietnam und China, in Australien, in Indien - das ist eine schöne Sache.

GA Dr. Veit: Das hört sich an, als ob da ein Traum in Erfüllung gegangen ist.

OTA d.R. Prof. Ekkernkamp: Das ist so. Zunächst sah es aber nicht so aus. Da war die Frage, warum quält man sich als Unfallchirurg mit dem Aufbau eines ganzen Krankenhauses, wo man ja sehr viele administrative Aufgaben hat. Dann war es aber doch eine tolle Geschichte. Das mit Greifswald war angelegt auf ein Jahr, dann auf drei Jahre und inzwischen ist es auf Wunsch der Landesregierung hier in Mecklenburg-Vorpommern perpetuiert. Das ist ein Traum und auch eine große Chance. Zunächst fragt jeder, warum arbeitet man an zwei Standorten, aber das geht ganz gut.

GA Dr. Veit: Der Sanitätsdienst der Bundeswehr hat ja in den vergangenen Jahren vor allem durch die Auslandseinsätze eine bemerkenswerte Entwicklung genommen. In welcher Beziehung stehen Sie zum Sanitätsdienst der Bundeswehr?

OTA d.R. Prof. Ekkernkamp: Ich war vor dem Studium Soldat, war bei der technischen Truppe Instandsetzung, habe eine normale Grundausbildung gemacht. Das war interessant und gut. Dann hat man gesagt, geht erst einmal studieren und angekündigt, dass die Bundeswehr an einem grundwehrdienstleistenden Sanitätsoffizier kein Interesse hätte. Das war dann am Ende meines Studiums anders und man hat mich noch einmal eingezogen.
Ich war typischerweise in München und sollte ins BwKrhs Hamm, dort in die Orthopädie, bin dann aber umgeleitet worden ins BwKrhs Osnabrück und habe bei Flottenarzt Dr. Garbs Chirurgie gemacht. Das war eigentlich der erste direkte Kontakt, eine hervorragende Weiterbildung in Allgemeiner Chirurgie in Osnabrück. Ich bin dem Ganzen treu geblieben und habe über Jahre Lehrgänge gemacht zum Chef Reservelazarett. Dann habe ich gedacht, es geht seinen normalen Reserveweg, alle zwei Jahre eine Übung, und hatte auch schon viele Kameraden kennengelernt. Einige waren auch jetzt in Bonn bei der Deutschen Gesellschaft für Wehrmedizin und Wehrpharmazie. Dann kam die erste Auslandsmission und das erste und zweite Kontingent war noch aus eigener Kraft, beim dritten Kontingent und insbesondere mit der Überlappung Somalia hat man geschaut, ob nicht Reservisten auch in Frage kommen könnten. Das war ein ganz großes Erlebnis. Ich habe mich zunächst orientieren dürfen bei Herrn Oberstarzt Dr. Gerngroß. Ich bin auch im BwKrhs Ulm gewesen, damit ich aus erster Hand erfahre, was man eigentlich tun kann, denn wir hatten ja alle keine Erfahrung. Dann war ich im 3. Kontingent in Kambodscha, und wenn man das einmal erlebt hat und dann noch mit dieser absoluten Innovation, deutsche Bundeswehr, deutscher Sanitätsdienst im Ausland, dann bleibt man der ganzen Sache treu.

GA Dr. Veit: Der Aufbau eines Krankenhauses hat Ihnen natürlich eine Menge persönlicher Erfahrung gebracht. Sie sind damit auch zu einem herausragenden Experten auf diesem Gebiet geworden. Sehen Sie zu den aktuellen Bundeswehrkrankenhäusern und den zivilen Krankenhäusern Parallelitäten?

OTA d.R. Prof. Ekkernkamp: Ich sehe ganz besonders Parallelen zwischen den Bundeswehrkrankenhäusern und den Krankenhäusern der Berufsgenossenschaften. Da gibt es eine Reihe von Parallelen, einmal im gemeinsamen Auftrag, nämlich dem Auftrag, an vorderster Front für Notfallversorgung da zu sein. Zweitens haben wir gemeinsam den Anspruch, 24 Stunden am Tag gerüstet zu sein. Das ist etwas Typisches, und was für die Soldaten gilt, gilt auch für die Berufsgenossenschaften. Drittens behandeln wir, und das ist anders als in anderen Krankenhäusern, über das Sozialgesetzbuch V hinaus nach dem Soldatengesetz, bei unseren berufsgenossenschaftlichen Kliniken nach dem Sozialgesetzbuch VII. Aber das verschafft uns Sonderbedingungen. Ich denke, hier könnte man noch sehr viel intensiver miteinander arbeiten, z.B. beim Personalaustausch. Und wir haben bei den Bundeswehrkrankenhäusern und bei den BG-Kliniken den Anspruch, dass wir mehr leisten als ein Versorgungskrankenhaus, und das ist erfreulicherweise von Universitäten auch immer wieder anerkannt worden. Daher die Nähe, die das BwKrhs Ulm hatte und die andere Krankenhäuser haben, Berlin meinetwegen als Lehrkrankenhaus, und natürlich die herausragende Position von Koblenz. So ist es bei uns auch, wir sind ganz eng mit Tübingen und den Universitäten Bochum und Heidelberg und hier das ubk mit Greifswald verbunden. Diese gegenseitige Anerkennung, dass man gerne Bundeswehrkrankenhäuser und BG-Kliniken auch im universitären Rahmen hat, macht uns natürlich auch attraktiv und bringt viele Parallelen.

GA Dr. Veit: Sie sind korrespondierendes Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Wehrmedizin und Wehrpharmazie geworden, das war im Herbst 2009. Sie sind damit auch ein wichtiger Berater. Würden Sie uns im Moment einen guten Rat geben können hinsichtlich der Weiterentwicklung dieser Deutschen Gesellschaft für Wehrmedizin und Wehrpharmazie.

OTA d.R. Prof. Ekkernkamp: Ich war einige Jahre nicht auf der Jahrestagung, und jetzt in Bonn durfte ich das hautnah erleben. Zunächst kann ich nur gratulieren: das ist eine ganz starke Gesellschaft, wo man auch den Mitgliedern anmerkt, dass sie zu der gemeinsamen Sache stehen. Ich denke, was Generalarzt a.D. Schmidt und Sie da leisten, verdient höchste Anerkennung. Ich glaube, das ist eine tolle Gesellschaft, die auch gehört wird. Das ist ja nicht bei allen wissenschaftlichen Fachgesellschaften so. Wenn Sie fragen, was könnte man noch tun? Ich erlebe sehr, sehr positiv, sowohl beim Hauptstadtkongress, den ich ja mitgestalte, wo ich vom ersten Tag an den Bürger in Uniform immer in eigenen Sitzungen habe und auch im Programm-Komitee dabei habe. Aktuell ist das Oberstarzt Düsel, der die Bundeswehr und den Sanitätsdienst vertritt. Ich erlebe es bei der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, wie angenehm das ist, wenn mindestens am ersten Kongresstag Sanitätsoffiziere dabei sind, die auch erkennbar sind, auch als Vertreter der Deutschen Gesellschaft für Wehrmedizin und Wehrpharmazie. Man könnte das wahrscheinlich noch etwas ausdehnen auf weitere Gesellschaften, die auch diesen Anspruch oder ähnlichen Anspruch haben, Einsatzmedizin zu machen. Ich denke besonders an meine Fachgesellschaft, die Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie. Da meine ich, müssten die Unfallchirurgen und auch die neue Gesellschaft, die ich ja habe mitgründen dürfen, die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie, mehr zugehen auf ihre Gesellschaft, um uns noch besser auszutauschen.

GA Dr. Veit: Vielen Dank dafür. Ich bin ja auf diesem Kongress in Bonn, den Sie erwähnt haben, zum Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Wehrmedizin und Wehrpharmazie gewählt worden. Meine Intention ist es in der Tat, die Gesellschaft auch gerade in der Vertretung und innerhalb der Fachgesellschaften zu stärken, aber auch ein bisschen mehr noch als Interessenvertretung der Sanitätsoffiziere aufzubauen. Da gibt es wirklich noch etwas zu tun. Noch eine Frage: Sie haben einen Wunsch frei - was würden Sie in der Bundeswehr oder auch im Sanitätsdienst vorrangig ändern?

OTA d.R. Prof. Ekkernkamp: Ich würde mir wünschen, dass Soldaten im Straßenbild, im normalen Tagesgeschehen in Deutschland präsenter sind. Früher hatten wir eine Präsenzpflicht auch in der Auftragslage im Inneren, und da waren unsere Soldatinnen und Soldaten in Deutschland. Jetzt machen wir sehr viel im Ausland. Dadurch entsteht zwar Sympathie und Interesse der Bevölkerung am Einsatz, aber es entsteht auch eine gewisse Ferne. Wir sehen die Soldaten weitgehend im Ausland. Ich komme aus Bielefeld, wir waren in Bielefeld und Ostwestfalen britisch besetzt oder britisch befreit, aber völlig klar war: Wir hatten immer in unserer Region britische und deutsche Soldaten, die gehörten zum Bild. Ich denke, es wäre schön, wenn der Bürger in Uniform wieder etwas näher rücken würde auf Bahnhöfen, in Zügen und im öffentlichen Transport, auf Flughäfen. Das könnten wir gebrauchen, dass man die Soldaten wieder mehr anfassen kann.

GA Dr. Veit: Die Visibility, im wahrsten Sinne des Wortes, die ja auch ein Sympathieträger sein kann. So könnten wir Dinge voranbringen.

OTA d.R. Prof. Ekkernkamp: Das wäre mein größter Wunsch. Ich finde es sehr begrüßenswert, dass der neue Minister versucht, die Dinge beim Namen zu nennen und zu sagen, das ist ein gefährlicher Einsatz, besonders in Afghanistan, und unsere Soldaten verdienen absoluten Rückhalt. Das ist glaube ich auf einem guten Weg. Und wenn wir in Deutschland auch wieder dazu finden, dass wir wieder mit Soldaten zu tun haben, das wäre schön.

GA Dr. Veit: Ganz herzlichen Dank.

Das Interview mit OTA d.R. Prof Dr. Axel Ekkernkamp führte Generalarzt Dr. Christoph Veit, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Wehrmedizin undWehrpharmazie.

Autor: Christoph Veit

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